HyFlex: Ein kurzer Überblick

Ich bin häufig in amerikanischen Medien über den Begriff “HyFlex” gestolpert und habe im deutschen Sprachraum nichts vergleichbares gefunden. Das Konzept hat mich sofort überzeugt und gerade stelle ich meine Lehrveranstaltungen entsprechend den HyFlex Grundsätzen um. In diesem Artikel möchte ich kurz auf die wichtigsten Punkte eingehen.

Was ist HyFlex?

HyFlex ist eine Portemanteau-Wort aus den beiden Begriffen “Hybrid” und “Flexible”. Im Prinzip ist HyFlex eine Variante von Blended Learning, also der Kombination von virtuellen und nicht-virtuellen (face-to-face) Lernmethoden und Lernumgebungen. Dabei geht HyFlex aber noch einen Schritt weiter, indem den Student*innen für jede Lerneinheit die Option angeboten wird, diese virtuell oder nicht-virtuell durchzuführen. Das Format ist “hybrid” in dem Sinne, dass virtuell und nicht-virtuell gemischt werden. Es ist “flexibel” für die Lernenden, die sich in jeder Situation entscheiden können, welche Variante sie bevorzugen.

In Amerika wird dieses Konzept unter teilweise verschiedenen Namen und in verschiedenen Ausprägungen seit ca. 2006 angeboten. Den Begriff prägte Dr. Brian Beatty von der San Francisco State University und eine ausführliche Beschreibung findet sich in seinem Buch: Hybrid-Flexible Course Design.

Prinzipien und Werte von HyFlex

Die grundlegenden Werte von HyFlex sind:

  1. Wahlmöglichkeiten für Lernende
  2. Äquivalenz
  3. Wiederverwendbarkeit
  4. Zugänglichkeit

Wahlmöglichkeit für Lernende

Den Lernenden werden sinnvolle alternative Teilnahmemöglichkeiten angeboten und sie können täglich, wöchentlich oder themenabhängig die Teilnahmemöglichkeit wählen.

Der Hauptgrund sich für ein HyFlex-Design zu entscheiden soll sein, dass sich die Student*innen entscheiden können, wie Sie die einzelnen Lerneinheit absolvieren möchten. Ohne sinnvolle Alternativen besteht keine echte Wahlmöglichkeit und damit auch keine Flexibilität. Ist zum Beispiel der Kern einer Unterrichtseinheit die Teilnahme an einer fachlichen Diskussion, ist ein bloßes Aufzeichnen und zur Verfügung stellen einer durchgeführten Diskussionsrunde keine echte Alternative.

Äquivalenz

Lernaktivitäten für alle Teilnahmemöglichkeiten führen zu äquivalenten Lernergebnissen.

Die Lernaktivitäten sollen so gestaltet sein, dass unabhängig von der Art der Teilnahme am Ende auch die gleichen Lernziele erreicht werden können. Dies ist häufig eine der größeren Herausforderungen beim Entwurf der verschiedenen Lernaktivitäten. Wenn eine Teilnahmemöglichkeit gegenüber einer anderen zu schlechteren Lernergebnissen führen würde, wäre auch hier keine echte Wahlmöglichkeit, also Flexibilität, gewährleistet.

Wiederverwendbarkeit

Lernaktivitäten einer Teilnahmeform werden so festgehalten, dass Sie in einer anderen Teilnahmeform wiederverwendet werden können.

Elemente aus dem Präsenzunterricht, wie zum Beispiel Präsentationen, Notizen und Handouts können auch für virtuelle Einheiten verwendet werden. Notizen, Chat-Verläufe, asynchrone Diskussionen oder gegenseitige Beurteilungen aus virtuellen Umgebungen können auch für die Arbeit in nicht-virtuellen Einheiten genutzt werden.

Zugänglichkeit

Die Lernenden bekommen die Möglichkeit bei allen Teilnahmemöglichkeiten mitzumachen.

Die Alternativen sind natürlich nur dann Alternativen, wenn Sie auch wirklich wahrgenommen werden können. Personen, die nicht an Präsenzterminen teilnehmen können oder die nicht die notwendigen technischen Voraussetzungen für Online-Lehre haben, haben keine Wahl und damit keine Flexibilität.

Warum HyFlex?

Die Heterogenität der Student*innen ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Verschiedene Anforderungen und Lebenssituation sollen im Rahmen des Studiums unter einen Hut gebracht werden. Das ist nicht nur schwierig, sondern auch nicht immer möglich. Es gibt viele Gründe, warum man einmal nicht zum Unterricht kommen kann: Termin beim Arzt, Auto defekt, notwendige Nebenbeschäftigung, Familienereignisse, …

Die Möglichkeit flexibel auf Online-Angebote zurückzugreifen steht der Alternative, einfach den Unterricht zu verpassen gegenüber. Manche haben unter Umständen auch gar nicht die Möglichkeit, in eine andere Stadt zu ziehen um dort zu studieren. Hier wäre zwar die Wahlmöglichkeit nicht flexibel, aber eine Studienteilnahme mit hoher Lehrqualität trotzdem gewährleistet.

HyFlex gerade jetzt!

Gerade während der Corona-Pandemie sind HyFlex-Modelle besonders von Vorteil für Lehrende und Studierende. Die Einteilung in virtuell und nicht virtuell greift hier allerdings  zu kurz. Das hat der Sommer 2020 gezeigt, in dem plötzlich alles nur noch virtuell stattfand. Eine Einteilung in “synchron” und “asynchron” erscheint mir an dieser Stelle sinnvoller.

Im Sommer 2020 wurde der Unterricht häufig synchron über Videokonferenzsysteme durchgeführt (analog zum face-to-face Unterricht). Das Orts-Problem wurde damit zwar gelöst, allerdings blieb das Zeitproblem: Arzt-Termine, Kinderbetreuung, Krankheit, … auch hier gibt es diverse Gründe, warum man nicht an einer Live-Vorlesung teilnehmen kann. Dazu kamen noch zusätzliche Probleme: mangelnde technische Ausstattung, schlechte Internetverbindung, fehlende technische Kenntnisse, … und zwar auf beiden Seiten!

Mit der Wiederaufnahme des (teilweisen) Präsenz-Betriebs muss man auch jederzeit damit rechnen, an Präsenzveranstaltungen nicht teilnehmen zu können: Quarantäne, kein Platz mehr im Hörsaal, Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe, Erkältungssymptome, … und auch das betrifft zum Teil die Lehrenden!

Fazit

Mit einem HyFlex Design ist man nicht nur für die Ausnahmesituation “Corona” gerüstet, sondern schafft einen bleibenden Mehrwert für Studierende und Lehrende. Ein Vorteil, der von den Studierenden häufig während des Sommersemesters 2020 genannt wurde, war die zeitliche Flexibilität bei asynchronen Angeboten. Auch Lehrende haben mehr Freiheit bei der Teilnahme an Konferenzen, Weiterbildungen und Forschungstätigkeiten. Je nach Infektionszahlen ist ein fließender Übergang von synchroner Präsenzlehre zu synchroner Online-Lehre möglich. Asynchrone Einheiten kommen auch Studierenden entgegen, die verschiedene Inhalte noch einmal nacharbeiten möchten. Und diese müssen dann nicht neu entwickelt werden, weil sie schon immer Teil des Unterrichts waren. Hätte man bereits vor 2020 einen HyFlex-Unterricht gemacht, wäre der Übergang ganz nahtlos und problemlos verlaufen.